Pfarrer Oliver Paschke verlässt die Pfarrei

Nach fast 10 Jahren priesterlicher Tätigkeit in der Pfarrei Liebfrauen steht für Pfarrer Oliver Paschke zum Herbst ein Stellenwechsel an. Seinen priesterlichen Dienst in Liebfrauen und in der Schulseelsorge hat er 2009 begonnen. Im Jahr 2012 übertrug man ihm nach dem Weggang von Pfarrer Johannes Büll die Pfarrstelle. Nach der Fusion mit der Pfarrei St. Johannes in Suderwich wurde er 2014 Leitender Pfarrer der Liebfrauenpfarrei.

Eine schwere Erkrankung vor vier Jahren und die gleichzeitigen Herausforderungen einer fusionierten Pfarrei haben Pfarrer Paschke dazu bewogen, den Bischof um die Entpflichtung von der Pfarrstelle zu bitten.

„Trotz so mancher Einschränkung durch die Erkrankung war mir wichtig, den Fusionsprozess mit seinen Herausforderungen und die Erstellung des Pastoralplans, der die fünf Kirchorte unserer Pfarrei verstärkt in die pastorale Zusammenarbeit führt, an ein vorläufiges Ende zu bringen. Und ich bin dankbar dafür, dass so viele sich dabei mit einer hohen Kompetenz und Engagement eingebracht haben!“, betont Oliver Paschke.

Für eine gewisse Zeit, so ist es mit der Personalabteilung des Bistums vereinbart, wird Pfarrer Paschke aus der Leitungsverantwortung herausgehen. Während dieser Zeit wird er ab November zur Unterstützung als Pastor in der Pfarrei St. Antonius in Recklinghausen tätig sein. Wohnen wird er im ehemaligen Pfarrhaus in Speckhorn.

Die Verabschiedung soll stattfinden am Patronatsfest der Pfarrei, 27. Oktober 2019 mit dem Festgottesdienst um 10.30 Uhr in der Liebfrauenkirche.

Zur Predigt von Oliver Paschke mit der Ankündigung des Stellenwechsels:

Liebe Schwestern und Brüder in unserer Pfarrei,
an diesem Samstag/Sonntag möchte ich in den Gottesdiensten die Pfarrei darüber informieren, dass Bischof Genn meinen Verzicht auf die Pfarrstelle angenommen hat. Ich werde also die Pfarrei Liebfrauen zum November hin verlassen.
Diese persönliche Entscheidung ist nicht alleine auf meine Erkrankung zurückzuführen, sondern ich sehe sie in einem größeren Zusammenhang, den ich hier aufzeigen bzw. mit Ihnen/Euch nachgehen will:
Im Dezember werden es 10 Jahre sein, dass ich in der Liebfrauen Pfarrei tätig bin.
Im Dezember 2009 bin ich zusammen mit Pfarrer Johannes Büll nach Recklinghausen gekommen, um mit ihm, den anderen Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen die pastoralen Gegebenheiten in der Pfarrei zu gestalten: Johannes Büll zunächst als leitender Pfarrer und ich als zusätzlicher Priester im Gemeindedienst. Dabei hatte ich noch einen Auftrag zur Schulseelsorge am Petrinum und die Erteilung von Religionsunterricht am Marie Curie Gymnasium inne.
Nach dem Weggang von Pfarrer Büll im Zuge der vom Bistum angestrebten Fusionen der Recklinghäuser Gemeinden (Liebfrauen und St. Johannes in Suderwich sollten nach den Plänen des Bistums zu einer Pfarrei zusammengelegt werden) ist mir zunächst die Pfarrstelle Liebfrauen, dann nach dem Weggang von Pfarrer Schäfer auch die Pfarrei St. Johannes übertragen worden. Im Jahr 2014 fand dann am Weißen Sonntag die Fusion der beiden bis dahin selbstständigen Pfarreien zur Liebfrauenpfarrei statt.
Aufregende Jahre waren das bis dahin schon! Die Fusion zw. Liebfrauen und St. Petrus Canisius im Dezember 2009 brachte, trotz schon langer bestehender Zusammenarbeit, immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Nicht wenige Menschen sind bei dieser Neustrukturierung aufgerieben worden und haben sich frustriert aus dem Gemeindeleben zurückgezogen. Das mitzuerleben war schmerzhaft, und es dann auch zu akzeptieren ist bis heute nicht einfach.
Ich selber habe dabei lernen müssen, wie stark Menschen mit einer Gemeinde/einem Kirchort verwachsen sind. Oftmals bis dahin, dass religiöses Leben nur am eigenen Kirchort gelebt werden möchte. Schade finde ich das, aber so ticken wir wohl als Menschen! Wir Menschen sich wohl gar nicht so flexibel wie wir immer tun!
Und es ist dann auch klar, dass Veränderungen in den Strukturen der Kirche, der Gemeinden, also den Äußerlichkeiten, viel Ärger mit sich bringen.
2014 fand schon die nächste Fusion statt. Die zwischen Liebfrauen und St. Johannes. Seitdem haben wir eine Pfarrei mit fünf Kirchorten, die alle sehr unterschiedlich sind. Jeder Kirchort hat sein eigenes Gesicht/Gepräge. Stärken und Schwächen eben. Verschweigen möchte ich nicht, dass auch bei dieser Fusion einigen Kirchorten eine Kooperation leichter fällt und manche sich damit schwer tun. Oder besser gesagt: Manchen Menschen fällt es schwer, sehr schwer. Aber auch da gilt es, wie so oft im Leben, die positiven und moderaten Kräfte wahrzunehmen und zu stärken. Und ich kann wohl sagen, dass nicht nur ich das Gefühl habe, dass mit den Jahren, selbst wenn noch so manche verbale Spitze fällt, inzwischen eine moderate konstruktive Zusammenarbeit Priorität hat. Das Leben als Christin und als Christ in dieser Pfarrei Liebfrauen ist für Viele an vielen Punkten normal geworden, weil man doch erfahren kann, dass durch die Kooperation/Fusion weniger genommen wurde als vielmehr Bereicherungen entstanden sind. Klar, um das so zu sehen und zu erfahren braucht man ein offenes Herz und die Bereitschaft aufeinander zuzugehen.
Wir sind eben nicht mehr eine in sich als Gemeinde abgeschlossene Gruppe, die alles kann und sich selbst genügen kann. Das zeigt ja im Moment auch die rasend schnelle Erosion der Kirchenmitglieder in unserer Pfarrei und generell in allen Pfarreien, in der Kirche: Zur Fusion waren wir noch über 14.000 Gemeindemitglieder. Jetzt, fünf Jahre später, sind es nicht mal mehr 12.000 Menschen. Und diese Entwicklung wird noch rasant weitergehen in den nächsten Jahren. Durch die demographischen Begebenheiten, aber auch durch den bewussten Austritt aus der kath. Kirche. (Wir können uns wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, was für eine Minderheit wir werden, wie klein wir als Kirche und Gemeinde werden!)
Die sich überschlagenden Entwicklungen innerhalb der Kirche und unserer Pfarreienstruktur haben mich persönlich auch immer überlegen lassen, wann ein Stellenwechsel sinnvoll ist. Die Zeiten, dass ein Pfarrer 20, 30 oder noch mehr Jahre in einer Pfarrei ist, so wie das in früheren Jahren nicht unüblich war, sind meiner Meinung vorbei. Erst recht sind die persönlichen Reflexionen diesbezüglich notwendig, wenn es sich um die erste Pfarrstelle im Leben handelt.
Im Mai 2015 wurde dann mein Leben so richtig durchgeschüttelt durch die Diagnose „Hirntumor“. Gott sei Dank handelte es sich um einen nicht bösartigen, wohl aber raumfordernden Tumor. Zwei Operationen hier im Recklinghäuser Knappschaftshospital waren notwendig, um den Tumor vollständig zu entfernen und so die Gefahr des Nachwachsens zu minimieren bzw. auszuschließen. Seit der 2. Operation im April 2016 können auf den MRT-Bildern weder Tumorreste noch ein neuer Tumor nachgewiesen werden. Und mein Wunsch ist: So soll es bitte auch bleiben!
Die Erkrankung hat mich verändert. Keine Frage. Vieles, was in der Pfarrei hochgekocht wurde, ließ mich kalt. Dagegen wurden wirklich existentielle Dinge bei Menschen für mich immer wichtiger. Das ließ mich manchmal erstaunen.
Ich nahm bzw. nehme allerdings auch wahr, dass Menschen in unserer Pfarrei durch meine Erkrankung irritiert sind. Das ist auch normal. Nicht gut ist es, wenn dadurch Gemeinde gelähmt wird, weil sie sich immer fragt, wie es dem Pfarrer wohl geht…und Gemeinde dadurch im Tun ausgebremst wird.
Trotz so mancher Einschränkung durch die Erkrankung war mir wichtig, den Fusionsprozess mit seinen Herausforderungen und die Erstellung des Pastoralplans, der die fünf Kirchorte unserer Pfarrei verstärkt in die pastorale Zusammenarbeit führt, an ein vorläufiges Ende zu bringen. Und ich bin dankbar dafür, dass so viele sich dabei mit einer hohen Kompetenz und viel Engagement eingebracht haben!
Ich habe in unserer Pfarrei viele tolle Menschen kennengelernt. Dafür bin ich sehr dankbar und sage demütig „danke“, denn ich bin mir sehr bewusst, dass das ein Geschenk ist. Das hat mir auch immer das Gefühl gegeben hier Zuhause zu sein – und weniger die Tatsache, dass ich in Recklinghausen geboren wurde.
Wie geht es nun weiter?
Für eine gewisse Zeit, so ist es mit der Personalabteilung des Bistums vereinbart, werde ich aus der Leitungsverantwortung einer Pfarrei herausgehen. Während dieser Zeit werde ich ab November zur Unterstützung als Pastor in der Pfarrei St. Antonius in Recklinghausen-Süd tätig sein. Wohnen werde ich allerdings im ehemaligen Pfarrhaus in Speckhorn. Ich bleibe also in Recklinghausen. Bis zur Einführung eines neuen Pfarrers wird Pastor David Formella aus St. Peter die Pfarrverwaltung übernehmen. Und natürlich wird das Pastoralteam weiterhin für die pastoralen Aufgaben gerade stehen und auch z.T. meine Aufgaben übernehmen. Dafür bin ich auch meinem Pastoralteam sehr dankbar!
Die Verabschiedung soll stattfinden am Patronatsfest der Pfarrei, 27. Oktober 2019 mit dem Festgottesdienst um 10.30 Uhr in der Liebfrauenkirche. Aber vorher feiere ich noch meinen 50. Geburtstag, zu dem ich von hier aus auch noch einmal herzlich einlade.
Mir ist bewusst, dass die Ankündigung meines Abschieds von der Pfarrei für viele sehr überraschend kommt. Vielleicht enttäusche ich auch Menschen. Da kann ich nur um Nachsicht bitten.
Ich sehe schon, dass Vieles als Fragment zurück bleibt: Wie wird der Pastoralplan umgesetzt? Wie stellt sich der Verbund unserer Kindertagesstätten auf? Schaffen es unsere Kirchorte, den Blick nach vorne in die Zukunft zu richten und sich nicht immer nur von der Vergangenheit ausbremsen zu lassen? Werden Menschen sich weiterhin einen Ruck hier bei uns geben und Kirche mitgestalten? Und werden wir ansprechend auf neue Menschen sein, auf sie zugehen und einladen, damit sie den Glauben an einen befreienden Gott erleben können? Und werden wir so offen und demütig sein, dass wir neue Menschen als Bereicherung für unsere Pfarrei und für uns selbst begreifen?
Enden möchte ich heute mit einem Ausspruch von Pater Alfred Delp. Er hat gesagt: „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt!“
Es ist meine tiefste Überzeugung: Gott ist auch heute da. Bei allen Umbrüchen, bei allen Veränderungen, bei allen Neuanfängen. Und er bleibt! Das ist doch entscheidend und letztendlich das Wichtigste im Leben! Amen.